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Wirtschaft
von Erhard Hartstock

Entwicklung, Einrichtungen und Maßnahmen, die der Bevölkerung auch der zweisprachigen Lausitz zur Befriedigung ihres Bedarfs an GĂŒtern und Dienstleistungen dienen.

Von der Landnahme in der Ober- und Niederlausitz ab 600 bis zur politischen Unterwerfung Mitte des 10. Jh. entfalteten die elbslawischen StĂ€mme bereits ein eigenstĂ€ndiges Wirtschaftsleben; dies vollzog sich zwischen Gentilordnung und frĂŒhfeudalen Gesellschaftsformen.

Durch Nutzung vorhandener GrĂŒnlandareale und Waldrodung zur Gewinnung von AckerflĂ€chen schufen sie die Voraussetzungen fĂŒr Ackerbau und Viehzucht als Hauptzweige der Landwirtschaft. Umfangreiche Keramikfunde in den zahlreichen BurgwĂ€llen und Siedlungen dokumentieren eine frĂŒhe handwerkliche Produktion und ihre permanente Weiterentwicklung. ArchĂ€ologische Funde und erste schriftliche Quellen belegen neben dem Gebrauch hölzerner und eiserner Pflugscharen, Sicheln und MĂŒhlsteine den Anbau von Roggen, Weizen, Gerste, Hirse und Lein sowie die Nutzung von Pferd, Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Gans und Huhn. Gegen Ende der Periode kamen Gartenkulturen wie Bohnen, Erbsen, Möhren, Mohn und Hanf hinzu, die fĂŒr den Eigenbedarf der einzelnen Familien angepflanzt wurden.

Illustration der Flachsverarbeitung und Tuchproduktion in der Schreiber-Karte der Oberlausitz, 1732

Von großer Bedeutung war die Verarbeitung von Leinfasern zu Flachs, der neben Wolle durch Verspinnen zu Garn als Ausgangsbasis zur Textilherstellung und Anfertigung von Bekleidung diente. Webstein, Webgewichte und Spinnwirteln gehörten zur Ausstattung der Siedlungen. Die Ackerbau und Viehzucht treibende Bevölkerung stellte die benötigten GebrauchsgĂŒter ĂŒberwiegend in Eigenproduktion her. In den Burgwardzentren erfolgten erste handwerkliche Spezialisierungen durch Arbeitsteilung. Fischfang, Jagd und Bienenzucht ergĂ€nzten das Wirtschaftsleben.

Im selben Zeitraum entwickelten sich Handwerk, Gewerbe und Handel. Die Töpferei hatte in den frĂŒhen slawischen Gemeinschaften eine lange Tradition, denn diese nutzten bereits die Töpferscheibe. Das Schmiedehandwerk beherrschte die Eisengewinnung aus Raseneisenerz zur Herstellung von Produktionsinstrumenten, EisengerĂ€ten und Waffen. Allgemein gelĂ€ufig war die AusfĂŒhrung von Zimmerer-, Böttcher-, Drechsler- und Stellmacherarbeiten als Basis fĂŒr die holzbearbeitenden und -verarbeitenden Berufe, die alle noch im Familienverband erledigt wurden. Gegen Ende des 9. Jh. waren wichtige Bedingungen fĂŒr eine arbeitsteilige Wirtschaft geschaffen. Aus dem gleichen Zeitraum bezeugen Hacksilberfunde (z. B. bei Cortnitz, Schmochtitz) den wachsenden Fernhandel der sorbischen StĂ€mme in das Donaugebiet, bis Arabien, Byzanz, nach Skandinavien und Westeuropa.

Einzug der Dreschmaschine in Groß Partwitz, um 1916; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die politische Unterwerfung der sorbischen StĂ€mme und die Eliminierung ihrer Adelsschicht bedeutete fĂŒr die Wirtschaft der autochthonen Bevölkerung eine entscheidende ZĂ€sur. Bis zum 16. Jh. erreichte auch in der Lausitz die feudale Gesellschaftsordnung ihre Hochform, zeigte aber einige Besonderheiten. Über die Jahrhunderte bildete primĂ€r die Landwirtschaft die Existenzgrundlage der Sorben. Insbesondere der niedere deutsche Adel brachte rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Erfahrungen mit, die auf die Slawen nur bedingt ĂŒbertragen wurden. Im Wechselspiel der KrĂ€fte setzte sich bis Ende des 12. Jh. die Feudalordnung auch ordnungspolitisch durch. SpĂ€testens mit der Ansiedlung deutscher Bauern mussten im sorbischen Territorium die dörflichen Besitzstrukturen, sofern noch nicht geschehen, neu geregelt werden (→ Kolonisation). Die zugezogenen Deutschen wurden mit einer LandflĂ€che (Hufe) ausgestattet, die zur Versorgung einer Mehrgenerationenfamilie ausreichte und ĂŒberdies die AbfĂŒhrung von Getreide, Vieh, GeflĂŒgel, Honig und zunehmend Geld an die Herrschaft ermöglichte.

Die GrĂ¶ĂŸe der HofstĂ€tten schwankte zum einen nach den hergebrachten Gewohnheiten (flĂ€mische, frĂ€nkische, deutsche Hufe) und zum anderen nach der natĂŒrlichen ErtragsfĂ€higkeit der Böden (LĂ¶ĂŸlehmböden, Heide, Spreewald, Mittelgebirgslagen). Wie die Quellen belegen, war in den sorbischen Orten der bĂ€uerliche Besitz ebenso organisiert. Parallel zum Landesausbau entstanden in der Ober- und Niederlausitz zahlreiche, bis mehrere 100 km2 große Adelsherrschaften, deren Verwaltungszentren seit dem 12. Jh. immer mehr stĂ€dtischen Charakter annahmen und fĂŒr die Entwicklung einer arbeitsteiligen Wirtschaft sorgten. Um Mitte des 13. Jh. erlangte die Mehrzahl dieser Ansiedlungen das Stadtrecht. Einige wurden landesherrlich, so die grĂ¶ĂŸeren StĂ€dte in der Oberlausitz, Cottbus und Guben in der Niederlausitz, wĂ€hrend die Masse der LandstĂ€dtchen bis zur Ablösung im Besitz der Grundherrschaften verblieb.

Binden von Garben und Aufstellen von Kornpuppen, um 1954; Fotograf: Kurt Heine, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die BeschrĂ€nkung des Handwerks auf die StĂ€dte und die Ausstattung der großen Kommunen mit Marktgerechtigkeit, Weichbildrecht und Bannmeile beförderten wĂ€hrend der Feudalzeit den Warenaustausch und die Arbeitsteilung. Dadurch wurde die Ansiedlung einer Vielfalt von Gewerben auf dem Lande weitgehend ausgeschlossen. Das betraf sorbische, deutsche und gemischtnationale Gebiete gleichermaßen. Der Beitrag der beiden Bevölkerungsgruppen zum gesamtwirtschaftlichen Ergebnis entsprach ihrem Anteil. In den vom deutschen BĂŒrgertum begrĂŒndeten und verwalteten, direkt dem König unterstehenden StĂ€dten erlangten die Sorben nur beschrĂ€nkt Zugang und Aufnahme in die ZĂŒnfte (→ Zunftordnungen). In den kleinen LandstĂ€dten war die handwerklich-gewerbliche Produktion auf die Versorgung des umliegenden Herrschaftsbereichs beschrĂ€nkt, weshalb ihre Einwohnerzahl oft unter 1 000 blieb. In den im Oberlausitzer SechsstĂ€dtebund 1346 vereinigten StĂ€dten Bautzen, Kamenz, Löbau, Zittau, Lauban und Görlitz sowie in den niederlausitzischen StĂ€dten Cottbus, Guben, Finsterwalde, Forst und Spremberg siedelte sich frĂŒhzeitig ein leistungsfĂ€higes Tuchmacherhandwerk an, dessen umfangreiche Produktion nur im Fernhandel abgesetzt werden konnte. (Von der Bedeutung der Tuchherstellung bei den Slawen zeugt das Verb obersorb. pƂaćić, niedersorb. pƂaƛiƛ ,bezahlen‘, schon im Urslawischen abgeleitet von *platъ ,TuchstĂŒck, Leinwand‘; Tuch wurde frĂŒher als Zahlungsmittel verwendet.) Durch Tuch- und Waidhandel erlangte die stĂ€dtische Kaufmannschaft politische und ökonomische Macht, Ansehen und Wohlstand. Nutznießer der Tuchproduktion waren aber auch die Landbevölkerung, die Herrschaften als Wolleproduzenten und die Bauernfamilien als Garnhersteller in NebenbeschĂ€ftigung.

Unterschiedliche Auswirkungen auf die wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse der sorbischen und deutschen Bevölkerung hatte die Tatsache, dass die Lausitz nie Herrschaftsterritorium eines Landesherrn vor Ort war. Selbst als sie ab 1370 als Nebenland zur böhmischen Krone gehörte, erfolgte weiterhin eine separate Verwaltung der spĂ€teren zwei MarkgraftĂŒmer, weshalb die wirtschaftliche Verflechtung beider kaum voranschritt. WĂ€hrend die Oberlausitz seit 1089 mit Ausnahme eines lĂ€ngeren Intervalls geschlossen bei Böhmen verblieb, litt die Bevölkerung der Niederlausitz unter der Vielzahl ihrer Landesherren. In der Oberlausitz förderten und begĂŒnstigten besonders die böhmischen Regenten bis zum Übergang ihrer Krone auf das Haus Habsburg (1526) die StĂ€dte als Horte frĂŒhbĂŒrgerlicher Entwicklung.

Im Jahr 1550 gegrĂŒndetes EisenhĂŒttenwerk in Peitz, 1977; Fotograf: Gerhard Joppich, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Ein stetes Bevölkerungswachstum auf dem Lande und die Erschöpfung der nutzbaren RodungsflĂ€chen fĂŒhrten in beiden Lausitzen ab Mitte des 14. Jh. zur Besitzdifferenzierung der Bauernwirtschaften. Selbst wenn Inhaber bestrebt waren, die ZerstĂŒckelung der Hufe zu verhindern, kamen sie nicht umhin, die erbberechtigten Kinder mit einer MindestflĂ€che zur Lebensabsicherung auszustatten. Sowohl in den deutschen als auch den sorbischen Dörfern entstanden nun unterbĂ€uerliche Schichten – GĂ€rtner, KossĂ€ten, HĂ€usler –, deren Existenz von der VerfĂŒgbarkeit der Lohnarbeit abhing. Der Zuzug vom Land in die StĂ€dte war Ă€ußerst begrenzt.

Die Agrarkrise im westlichen Europa, die seit Mitte des 14. Jh. vom Verfall der Getreidepreise begleitet war, erfasste nach 1450 auch die Lausitz. Betroffen waren die Landadligen, von denen einige wegen völliger Überschuldung im Raubrittertum die letzte Rettung sahen, aber auch die Bauernschaft, deren Einnahmen in ein wachsendes MissverhĂ€ltnis zu den steigenden Abgaben und Preisen fĂŒr gewerbliche Erzeugnisse sowie den Löhnen gerieten. Unter dem Druck der VerhĂ€ltnisse zerfielen in der Oberlausitz bis zur Mitte des 16. Jh. bis auf wenige Ausnahmen alle Adelsherrschaften in mehrere Hundert Rittersitze. In der Niederlausitz blieb eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Grundherrschaften bestehen, doch auch hier nahmen die Gutsherrschaften und die zweite Leibeigenschaft nun ihren Anfang.

Die ostelbische Gutsherrschaft war mit einschneidenden ökonomischen VerĂ€nderungen verbunden. Auf den großen GĂŒtern hatte sich die Bewirtschaftung der teils riesigen WaldflĂ€chen und der GewĂ€sser auf Basis von Lohnarbeit durchgesetzt. Der ĂŒbrige Boden befand sich in vorwiegend bĂ€uerlicher Nutzung. Die Inhaber der kleinen Adels- oder Rittersitze entzogen ihren Untertanen einen Großteil der Äcker, Wiesen und Weiden und arrondierten diese zum selbst bewirtschafteten Mundgut. Wald und GewĂ€sser waren ohnehin bei ihnen verblieben.

Nach Mitte des 16. Jh., in der Oberlausitz konkret nach dem Pönfall der SechsstĂ€dte 1547, konsolidierten sich die Gutswirtschaften. Bis dahin konnte das BĂŒrgertum im eigenen ökonomischen Interesse auch die Bauern außerhalb des stĂ€dtischen Landbesitzes vor ĂŒbermĂ€ĂŸiger Belastung schĂŒtzen. Die Masse der lĂ€ndlichen Untertanen aber wurde nun zur Bearbeitung der RittergĂŒter teils durch definierte, in der Regel aber durch „ungemessene“, d. h. in der Praxis tĂ€gliche Frondienste gezwungen (→ Roboten). WĂ€hrend die noch intakten Bauernstellen (HĂŒfner, HalbhĂŒfner, Bauern, Halbbauern, Pferdner u. Ă€.) Dienste mit einem Pferdegespann zu verrichten hatten, waren die Gartennahrungsbesitzer, KossĂ€ten und HĂ€usler verpflichtet, Handarbeiten auf dem Feld, im Wald und in der Scheune nach Bedarf auszufĂŒhren. In der Regel stellten die Herrschaften weder Kost fĂŒr die Menschen noch Futter fĂŒr die Zugtiere. Die herrschaftliche Viehwirtschaft mit Ausnahme der Schafzucht wurde durch Zwangsgesinde sowie angemietete Knechte und MĂ€gde versehen. Anstelle der produktiven Lohnarbeit setzte sich die Fronarbeit in der Landwirtschaft durch.

Gurkenernte im Spreewald, 1964; Fotograf: Gerhard Joppich, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Noch wĂ€hrend des DreißigjĂ€hrigen Kriegs und lange danach erfolgte ein lebhafter Ausbau der Gutsherrschaft durch die Einverleibung wĂŒster bĂ€uerlicher Anwesen bzw. durch „Bauernlegen“ (Enteignung von bewirtschafteten Bauernhöfen). Gleichzeitig stagnierten bzw. sanken die ErtrĂ€ge wegen der nachlassenden Bodenfruchtbarkeit und unzureichenden Bodenbearbeitung, wovon namentlich die Heidegebiete betroffen waren, in denen die sorbische Bevölkerung die Mehrheit bildete. Der RĂŒckgang der Bauernstellen fĂŒhrte zu einer weiteren Belastung mit Gespanndiensten. Zugleich verminderten Kriege sowie die stete Erhöhung von Steuern, Abgaben und Zinsen die Einkommen der Bauern und GĂ€rtner bis an die Grenze der Belastbarkeit. Mitte des 18. Jh. erwies sich das auf Fronarbeit basierende Feudalsystem endgĂŒltig als unproduktiv. Durch die ErbuntertĂ€nigkeit und den Einsatz der Bauern- und HĂ€uslerkinder als Zwangsgesinde wurde es fĂŒr die unterste soziale Schicht auf dem Dorf immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt durch Lohnarbeit zu verdienen.

Der stete Kaufkraftschwund auf dem Lande, namentlich die Verschuldung infolge des SiebenjĂ€hrigen Kriegs, beschrĂ€nkte die Anzahl der Meister und Gesellen im zunftgebundenen Handwerk der Lausitzer StĂ€dte, die bis ins erste Drittel des 19. Jh. ihre Einwohnerzahlen vom Ende des 15. Jh. nicht wieder erreichten. Nach 1763 versuchten die großen Herrschaften und die RittergĂŒter verstĂ€rkt, die Minderung ihrer Einnahmen aus der Land- bzw. Waldwirtschaft durch gewerbliche Nebenproduktion und „Veredlung“ der Erzeugnisse mittels Bierbrauerei, Schnapsbrennerei sowie den Betrieb von Kalköfen, Ziegeleien u. a. zu kompensieren.

Im SĂŒden der Oberlausitz siedelten nach 1650 die StadtrĂ€te von Lauban, Zittau und Löbau, die Klöster St. Marienstern (Panschwitz-Kuckau) und St. Marienthal (Ostritz), das Domstift St. Petri in Bautzen und zahlreiche RittergĂŒter in einem Streifen vom Queis bis an die Pulsnitz Leine- und Bandweber nebst zugehöriger Gewerke an. Schon Mitte des 18. Jh. erreichte die Leinwandfertigung einen Umfang, der nur auf internationalen MĂ€rkten Absatz finden konnte. Der große Rohstoffbedarf, insbesondere bei Flachs, kam den Gutsherrschaften sowie den Bauern zugute, konnte aber von beiden MarkgraftĂŒmern nicht gedeckt werden. Die bĂ€uerliche Bevölkerung in den Gutsdörfern war in den Wintermonaten verpflichtet, im Rahmen der Handdienste Leinen- und Wollgarne unentgeltlich zu spinnen, die von den Herrschaften an Garnsammler verĂ€ußert wurden (→ Spinnstube).

Nach den Befreiungskriegen wurde auf dem Wiener Kongress 1815 die gesamte Niederlausitz und der nordöstliche Teil der Oberlausitz Preußen zugesprochen. FĂŒr die wirtschaftliche Entwicklung der vom Königreich Sachsen abgetrennten Gebiete ergaben sich daraus tief reichende Konsequenzen. Der Vollzug der Stein-Hardenberg’schen Reformen in Preußen ab 1822 eröffnete zwar frĂŒher den Weg in die bĂŒrgerliche Gesellschaft als in Sachsen, er war aber inkonsequenter und beschwerlicher. Gerade die Agrarreform verĂ€nderte die BesitzverhĂ€ltnisse und damit die Wirtschaftsstruktur. Wurde die Leibeigenschaft noch unentgeltlich aufgehoben, so konnten sich bis 1848/49 nur jene Bauern und GĂ€rtner, deren Wirtschaften „ihren Inhaber als selbststĂ€ndigen Ackerwirt zu ernĂ€hren“ vermochten, von den Feudalverpflichtungen loskaufen.

Sorbische Landwirtschaftsschule in Crostwitz, um 1952; Fotograf: Kurt Heine, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die kapitalistische Ordnung entfesselte sowohl in der deutschen wie in der sorbischen Bevölkerung produktive KrĂ€fte und FĂ€higkeiten. Die um 1830 im sĂ€chsischen Teil der Oberlausitz einsetzende Industrialisierung zwang zu einem grĂŒndlichen Strukturwandel in der Wirtschaft. Innerhalb von etwa sieben Jahrzehnten erfolgte in der gesamten Lausitz der Übergang von der handwerklich-gewerblichen, zunftgebundenen Fertigung zur industriell-fabrikmĂ€ĂŸigen Massenproduktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Mit Ausnahme der Schwerindustrie siedelten sich hier alle Branchen an, wobei Textilproduktion, Maschinenbau, Schienenfahrzeugbau, Glasherstellung, Braunkohlenbergbau und Stromerzeugung gewichtige ProduktionsumfĂ€nge erreichten. Zehntausende bis dahin in der sog. Heimindustrie tĂ€tige selbststĂ€ndige Meister mussten sich als freie Lohnarbeiter in den Fabriken verdingen. Im sorbischen Gebiet waren davon ĂŒberwiegend die produzierenden Gewerbe (Handwerk) in den StĂ€dten des Mittel- und Niederlausitzer Raums betroffen. Insbesondere die Oberlausitz profitierte von der frĂŒhzeitigen Anbindung an das Eisenbahnnetz. So konnten sich trotz geringer Rohstoffvorkommen neue Industriezweige ansiedeln, weil ein großes ArbeitskrĂ€ftepotenzial zur VerfĂŒgung stand.

Die Landwirtschaft erfuhr erhebliche VerĂ€nderungen. Die großen Herrschaften und die RittergĂŒter konnten ihre Areale nur mit Lohnarbeit bestellen, wobei Gesindeordnungen viele feudalzeitliche Relikte im Umgang mit weiblichen und mĂ€nnlichen ArbeitskrĂ€ften konservierten. Die großen Anstrengungen zur Ertragssteigerung erbrachten besonders im Heidegebiet nicht den erhofften ProduktivitĂ€tszuwachs, der die sinkenden Weltmarktpreise fĂŒr agrarische Erzeugnisse hĂ€tte ausgleichen können. Der von Gutsbesitzern und Großbauern beklagte ArbeitskrĂ€ftemangel wegen höherer Löhne in der Industrie war hingegen grĂ¶ĂŸtenteils selbstverschuldet, weil man das bis dahin extrem niedrige Lohnniveau auf Dauer beizubehalten suchte.

Nach der GrĂŒndung des Deutschen Zollvereins 1834 und der Reichseinigung 1871 kam es zwischen dem sĂ€chsischen und dem preußischen Teil der Oberlausitz sowie zwischen beiden Lausitzen jeweils zur raschen Ausweitung der Wirtschaftskooperation. Die zweite Phase der Industrialisierung blieb jedoch in der Mittel- und Niederlausitz bis zur Jahrhundertwende fast ganz auf einzelne StĂ€dte und Siedlungen beschrĂ€nkt. Im West- und SĂŒdteil der Oberlausitz erfolgte eine FlĂ€chenindustrialisierung; mit Ausnahme der Schwerindustrie siedelten sich in diesem Raum alle Gewerbezweige vornehmlich auf dem Lande an. Zwischen 1882 und 1907 erhöhte sich in der Oberlausitz die Zahl der Arbeiter und Angestellten in Fabriken und Gewerben um ca. 240 %, wĂ€hrend die Zahl der BeschĂ€ftigten in der Landwirtschaft lausitzweit rĂŒcklĂ€ufig war. Die Industrialisierung fĂŒhrte hier zu einem nie dagewesenen Lohnanstieg und damit zu einem tief greifenden Wandel in den VermögensverhĂ€ltnissen. In jenen Jahren stieg der Anteil der Löhne und GehĂ€lter am Gesamteinkommen der Bevölkerung von 28 auf 52 %, wĂ€hrend sich die Einnahmen aus der Landwirtschaft real verminderten. Der immense Lohnfonds sicherte eine hohe Kaufkraft und stabilisierte in Krisenzeiten Landwirtschaft, Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe. Ab 1830 setzten Unternehmer, HĂ€ndler und Landwirte zunehmend auf die Nutzung von Wissenschaft und Technik zur StĂ€rkung der wirtschaftlichen Innovationskraft.

Kraftwerk LĂŒbbenau, 1961; Fotograf: Erich Rinka, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Der Erste Weltkrieg beendete abrupt die erfolgreichste Entwicklungsperiode der Lausitzer Wirtschaft, die sich nun in fast allen Bereichen den kriegswirtschaftlichen Vorgaben zu unterwerfen hatte. Die geopolitischen, materiellen und finanziellen Folgen der Niederlage Deutschlands, dazu Revolution, Inflation, Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit unterbrachen immer wieder die Versuche, an die alte Leistungskraft anzuknĂŒpfen. Infolge des Plebiszits in Oberschlesien vom Mai 1921 wurden 90 der dortigen SteinkohlenvorrĂ€te sowie die Schwerindustrie Polen zugeschlagen. In der Lausitz mussten daher binnen kĂŒrzester Zeit die Braunkohlenvorkommen zur Deckung des eigenen Energiebedarfs und zur Versorgung des Berlin-Brandenburger Raums erschlossen werden. Dadurch verĂ€nderten sich vor allem in der Mittellausitz die Wirtschaftsstruktur und die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Der Ausbau der Energiewirtschaft stĂŒtzte zwar die Einkommen, konnte jedoch nur durch die ZufĂŒhrung auswĂ€rtiger ArbeitskrĂ€fte gesichert werden (→ Assimilation, → Braunkohlenbergbau).

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 weiteten sich die ordnungspolitischen Eingriffe des Staates auf Landwirtschaft, Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe gravierend aus. Wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft wurde die Wirtschaft fĂŒr die Vorbereitung und FĂŒhrung des Kriegs bis zum totalen Zusammenbruch im Mai 1945 missbraucht. Die Spaltung Deutschlands in zwei Teile und deren Einbindung in zwei sich diametral gegenĂŒberstehende Blöcke bewirkte nach 1945 die Ausbildung von zwei Volkswirtschaften. Die Lausitz, die ihr Territorium rechts der Neiße an Polen verlor, konnte nicht mehr an die altbewĂ€hrten Wirtschaftsbeziehungen anschließen. GesellschaftsprĂ€gende Eingriffe in die Eigentums- und BesitzverhĂ€ltnisse wie Bodenreform, Enteignung der Banken und Wirtschaftsbetriebe von Nazi- und Kriegsverbrechern, die ÜberfĂŒhrung der Landwirtschaft und des Handwerks in kollektive Produktionsformen und schließlich die Übernahme der mittelstĂ€ndischen und kleinen Betriebe in den volkseigenen Sektor unterbanden die Privatinitiative fast völlig und setzten der Vermögensbildung enge Grenzen.

Lausitzer Seenland, 2008; Fotograf: Peter Radke, Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH

Die ĂŒberdurchschnittlich industrialisierte Lausitz hatte infolge der teilungsbedingten Disproportionen im Osten eine besondere wirtschaftliche Verantwortung zu tragen. In der DDR-Zeit wurden Energiewirtschaft, Textilindustrie, Glasherstellung, Schienenfahrzeugbau und andere Bereiche zu großen Produktionseinheiten (Kombinaten) zusammengefasst und arbeitskrĂ€fteintensiv erweitert. Die aus dem Zustrom von FlĂŒchtlingen und Vertriebenen resultierenden Auswirkungen auf die ethnische Zusammensetzung der Region konnten durch staatliche Förderung der sorbischen Minderheit abgeschwĂ€cht werden.

Nach der Wiedervereinigung 1990 machten die ÜberproduktionskapazitĂ€ten in den alten BundeslĂ€ndern, in den EU-LĂ€ndern sowie auf dem Weltmarkt fast die gesamte, wenig produktive Industrie im Beitrittsgebiet ĂŒberflĂŒssig. Ganze Industriezweige, z. B. die Textil- und Glasindustrie, die wegen hoher Lohnkosten anderswo lĂ€ngst ins Ausland abgewandert waren, wurden in der Lausitz in kĂŒrzester Zeit weitgehend abgewickelt. Andere Zweige schrumpften bis auf die Herstellung von Nischenprodukten zusammen. Lediglich die groß dimensionierten landwirtschaftlichen Betriebe konnten sich dank einer ProduktivitĂ€tssteigerung erfolgreich dem Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt stellen. Die Braunkohlenförderung im Lausitzer Revier betrĂ€gt weiterhin rund ein Drittel der Jahresförderung in Deutschland.

Glaspyramidenverkaufhaus Cristalica Kingdom in Döbern, 2020; Fotografin: Anja Pohontsch, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Erste Erfahrungen mit dem Fremdenverkehr als Wirtschaftszweig wurden Ende des 19. Jh. im Spreewald gemacht, der von der NĂ€he zu Berlin profitierte und bis heute ein beliebtes Naherholungsgebiet darstellt. Hohe Erwartungen knĂŒpfen sich derzeit an die Entwicklung des Tourismus im Gebiet des „Lausitzer Seenlands“, das durch die Flutung frĂŒherer Tagebaue entsteht und sich ĂŒber 20 kĂŒnstlich geschaffene, teilweise durch schiffbare KanĂ€le verbundene Seen zwischen GroßrĂ€schen, Senftenberg, Hoyerswerda und Boxberg erstreckt.

Lit.: J. Brankačk: Studien zur Wirtschaft und Sozialstruktur der Westslawen zwischen Elbe/Saale und Oder aus der Zeit vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, Bautzen 1964; J. Brankačk: Landbevölkerung der Lausitzen im SpĂ€tmittelalter. Hufenbauern, BesitzverhĂ€ltnisse und Feudallasten in Dörfern großer Grundherrschaften von 1374 bis 1518, Bautzen 1990; E. Hartstock: Wirtschaftsgeschichte der Oberlausitz 1547–1945, Bautzen 2007.

Metadaten

Titel
Wirtschaft
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Wirtschaft
Autor:in
Hartstock, Erhard
Autor:in
Hartstock, Erhard
Schlagwörter
Braunkohleindustrie; Energiewirtschaft; Gewerbe; Glasindustrie; Gutswirtschaft; Handel; Landwirtschaft; Textilgewerbe
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Braunkohleindustrie; Energiewirtschaft; Gewerbe; Glasindustrie; Gutswirtschaft; Handel; Landwirtschaft; Textilgewerbe
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