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Tracht
von Ines Keller

Verbreitung der Trachten in der Nieder- und Oberlausitz; Karte: Iris Brankatschk

Kleidung lĂ€ndlicher und kleinbĂŒrgerlicher Kreise, die zeitlich, regional, konfessionell und bei den Sorben auch ethnisch bestimmt ist. Sie widerspiegelt den sozialen Status und wechselt je nach Anlass.

In der Ober- und Niederlausitz war die Tracht v. a. Kleidung der lĂ€ndlichen Bevölkerung. Bis Mitte des 18. Jh. legten Kleiderordnungen fest, welches Material und welcher Schmuck von welchem Stand getragen werden durfte. Dem einfachen Volk war der Gebrauch von Gold, Silber und Seide verboten, zur Herstellung von KleidungsstĂŒcken sollten nur einheimische Textilien sowie Leder verwendet werden. Nach der Französischen Revolution Ă€nderte sich der Kleidungsstil, Trachten wurde als soziales Zeichen bĂ€uerlicher Lebensweise wahrgenommen. Im Zuge der Romantik und der nationalen Wiedergeburt wurde sie zum Ă€ußeren Symbol ethnischer Zugehörigkeit und zum visuellen Ausdruck sorbischer IdentitĂ€t. Seitdem heißt es obersorb. wona chodĆși serbska oder burska bzw. niedersorb. chojĆși burska ,sie geht sorbisch’, wenn eine Frau in Tracht geht. Die Gleichsetzung von burska ,bĂ€uerlich’ mit serbska ,sorbisch’ ist Ausdruck der sozialen Gegebenheiten, wonach die sorbische Bevölkerung weitgehend auf dem Lande lebte. Die neue WertschĂ€tzung, die die Tracht als Objekt der ethnischen ReprĂ€sentation erfuhr, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie in den StĂ€dten und den Randzonen des sorbischen Siedlungsgebiets allmĂ€hlich abgelegt wurde. Wie ĂŒberall in Europa betraf das zuerst die MĂ€nnertracht, bis ca. 1900 auch einen Großteil der Frauentrachten. Zu Beginn der 1950er Jahre gingen in der gesamten Lausitz mehr als 10 000 Frauen tĂ€glich in Tracht, 2010 waren es noch etwa 400 Ă€ltere Sorbinnen. Soziale Umstrukturierungen Mitte der 1960er Jahre, so die Arbeit in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (→ Kollektivierung der Landwirtschaft), beschleunigten das Ablegen der Tracht im Alltag. Im 20. Jh. können modische VerĂ€nderungen in Farbe, Schnitt oder Stoffwahl beobachtet werden, was u. a. auf den Einfluss von Trachtenschneidern, - schneiderinnen oder Stickerinnen zurĂŒckzufĂŒhren ist. Weitaus signifikanter beim Trachtragen ist allerdings die Einhaltung der Norm, worauf bis heute vor allem die Ankleidefrauen beim Anlegen von Festtrachten achten.

Oderwendische Tracht; Fotograf: Albrecht Lange, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

MĂ€dchentracht aus Neu Zauche; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Das ursprĂŒngliche Verbreitungsgebiet der sorbischen Tracht reichte ĂŒber das Territorium der heutigen zweisprachigen Ober- und Niederlausitz hinaus. So weisen z. B. die Altenburger und ThĂŒringer Trachten sorbische EinflĂŒsse auf, auch die Trachten im ehemaligen KurmĂ€rkisch-wendischen Distrikt können den sorbischen zugeordnet werden. Nördlich von FĂŒrstenberg (EisenhĂŒttenstadt), zwischen Pleiske und Oder bis nahe Crossen, trugen bis zur Vertreibung der deutschen und sorbischen Bevölkerung infolge des Zweiten Weltkriegs die meisten Frauen ĂŒber 40 die sog. oderwendische Tracht (→ Östliche Lausitz).

SpreewĂ€lder Tracht um LĂŒbbenau; Fotograf: Richard Klau, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die Tracht der Frauen setzt sich im Allgemeinen aus folgenden Teilen zusammen: Unterrock, Rock, SchĂŒrze, Hemd, Kittelchen, Mieder, Jacke, Haube, Kopftuch und StrĂŒmpfe. Die Arbeitstrachten in dunklen Farben oder mit Blaudruck, meist hergestellt aus groben Leinenstoffen, unterschieden sich regional unwesentlich voneinander. Besonders bei den Festtrachten haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Formen herausgebildet, die es erlauben, einzelne Trachtenregionen zu definieren, sowohl hinsichtlich der heute noch getragenen Trachten als auch hinsichtlich der sog. Truhentrachten. Als Truhentrachten werden Trachten bezeichnet, die im 20. Jh. in der jeweiligen Region nicht mehr getragen wurden. Das trifft auf das Gebiet zwischen Neu Zauche und LĂŒbbenau im Norden, Senftenberg, Spremberg und Bad Muskau sowie um Nochten und Klitten bzw. auf das Bautzener Land zu.

Spremberger Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Das Kirchspiel Neu Zauche am Nordrand des Oberspreewalds umfasste sieben Dörfer. Hier wurde zwischen ca. 1830 und 1880 zu jeder Fest- und Feiertagskleidung eine weiße Barthaube (niedersorb. krjuzata mica) getragen, um deren unteren Saum eine plisseeartig gepresste Halskrause verlief, die hinten stark und seitlich leicht heruntergebogen war. Zur Vereinfachung der Tracht kam es, als durch den wirtschaftlichen Aufschwung nach 1870 viele preiswerte Stoffe den Markt eroberten. Der handgewebte Warprock wurde durch einfarbige Röcke aus Wolle oder Tuch ersetzt, die SchĂŒrzen nicht mehr aus Kaschmir, sondern aus Seide in allen Farben hergestellt und mit breiten Spitzen aus TĂŒll eingefasst. Es Ă€nderte sich die Jackenform – die Sackjacke löste die bisherige Polkajacke ab. Um 1900 entfiel das Kopftuch beim Tanz. 1926 wurde die Tracht von den MĂ€dchen endgĂŒltig abgelegt. 1945 waren die jĂŒngsten Frauen in Tracht ĂŒber 40; fĂŒr 1955 ermittelte Ernst Tschernik noch 184 TrachtentrĂ€gerinnen, bis 1970 ging ihre Zahl auf 70 zurĂŒck.

Das Trachtengebiet um LĂŒbbenau konzentriert sich auf die 15 Ortschaften der Standesherrschaft LĂŒbbenau mit dem Kirchspiel LĂŒbbenau, den Filialkirchgemeinden Zerkwitz und Groß-LĂŒbbenau, den Kirchorten Bischdorf, Kahnsdorf und KĂŒckebusch. Hier hatten sich Reste der einstigen MĂ€nnertracht relativ lange erhalten, etwa Vorhemdchen, Leinenhose und Leinenkittel bei der Arbeit oder bunte StrĂ€uße bei Hochzeiten und zur Fastnacht. Bis Mitte des 19. Jh. gehörten MĂ€nner in weißen Leinenröcken und mit Pelz verbrĂ€mten SackmĂŒtzen zum ĂŒblichen Bild. Zum Kirchgang trugen Frauen bis 1875 gestreifte handgewebte Röcke, deren Rand mit farbigen SeidenbĂ€ndern besetzt war, SeidenschĂŒrzen sowie seidene, farblich abstechende TaillenbĂ€nder, SeidenhalstĂŒcher und eine Barthaube mit nach hinten herabhĂ€ngender breiter TĂŒll- und farbiger seidener Kinnschleife. Die Haubenform verĂ€nderte sich unter dem Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung, v. a. durch den Fremdenverkehr. Die Halskrausen wurden weggelassen und KopftĂŒcher aufgesetzt. MĂ€dchen gingen bis ca. 1925 ab dem Schulalter in Tracht. 1955 ergaben ZĂ€hlungen 173 TrachtentrĂ€gerinnen, um 1970 waren es noch etwa 60 Frauen.

Muskauer Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Das Trachtengebiet um Senftenberg und Spremberg (→ Senftenberger Region, → Spremberger Region) umfasste ca. 140 Orte. Charakteristisch waren Röcke mit SamtbĂ€ndern (Bandröcke) und kleine Hauben mit schwarzen WollbĂ€ndern. Zur Fest- und Kirchgangstracht gehörten spitzenverzierte Barthauben. Die Frauen wĂ€hlten mit zunehmendem Alter dunklere Farben. Bei der Hochzeitstracht dominierte Schwarz. Die Braut- und Brautjungferntracht wurde durch Weiß, GrĂŒn und Blau, die Ehrenjungferntracht durch Rot ergĂ€nzt. Unterschiede zwischen ledigen MĂ€dchen und jungen verheirateten Frauen wurden nicht gemacht. Eine MĂ€nnertracht, bestehend aus Leinwandhemden, Leinwand- oder Tuchhose sowie SchirmmĂŒtze, wurde um 1880 nur noch von der mittleren und Ă€lteren Generation getragen.

Nochtener Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Zum Muskauer Trachtengebiet gehören die 15 Dörfer der Kirchspiele Gablenz und Bad Muskau (→ Muskauer Standesherrschaft). Frauen legten zum Kirchgang rot oder blau gemusterte weiße KopftĂŒcher, ebensolche SchĂŒrzen, Tuchrock und Schoßjacke an. AuffĂ€lligstes Merkmal war die Haube mit am vorderen Saum angehefteter gestĂ€rkter Krause (sorb. krjuzata hawba) und rotem, grĂŒnem oder schwarzem Kopfband. Die MĂ€nner kleideten sich schon Ende des 18. Jh. bĂŒrgerlich. Einzelne zeitlose StĂŒcke, wie Leinwandhemden, graue oder blaue Vorhemdchen aus Tuch oder die schwarze runde MĂŒtze mit schmalem Lederschirm, waren Ende des 19. Jh. noch ĂŒblich. Sorbisch gekleidete Streckenarbeiterinnen beim Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Berlin und Görlitz (1867) gehörten zum typischen Bild. Mit der Industrialisierung setzte um 1880 das Ablegen der traditionellen Frauentracht zugunsten einer einfacheren, unauffĂ€lligeren Kleidung ein, die Elemente der sorbischen Tracht und der deutschen bĂŒrgerlichen Kleidung vermischte. Die „halbdeutsche“ Tracht verzichtete auf die Hauben, die hohe Festtracht und auf innerhalb des Kirchenjahrs farblich variierende Elemente, wodurch die TrĂ€gerin KleidungsstĂŒcke und Geld sparte. Wichtig fĂŒr die Modifizierung war die Erfindung der NĂ€hmaschine. Sie ermöglichte vielen Frauen, selbst zu nĂ€hen. Die „halbdeutsche“ Tracht behauptete sich bis Anfang des 20. Jh.

Das Nochtener Gebiet erstreckte sich ĂŒber die Dörfer Nochten, Tzschelln und Sprey. Hier glich sich die Tracht erst nach 1890 der stĂ€dtischen Mode an. Auffallend war die Dominanz der Farbe Rot in der sommerlichen Ausgangs- und Kirchgangstracht der MĂ€dchen und jungen Frauen: rotgestreifte Röcke, rotbunte SchĂŒrzen, rotbunte langĂ€rmlige Kittelchen, ebensolche HalstĂŒcher und Spitzenhauben, dazu blaue StrĂŒmpfe und schwarze Schuhe. Bei den Frauen mittleren Alters ĂŒberwog Blau.

OstersÀngerinnen aus Klitten, 1896; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Auffallend viele Ähnlichkeiten bei den Festtrachten gab es zum benachbarten Klittener Gebiet, zu dem 19 kleine Dörfer der Kirchspiele Klitten, Kreba und Reichwalde gehörten. Auch hier herrschte Rot in der Kirchgangstracht der MĂ€dchen vor: rote Spitzenhaube mit roter Haubenbinde – ein zur Binde gefaltetes Tuch, um Stirn und Haube gelegt und auf dem Haubenboden verknotet –, ein roter Rock mit roter KattunschĂŒrze ĂŒber dem Hemd und dem Kittelchen mit jeweils langen bunten Ärmeln. JĂŒngere Frauen gingen in den Farben GrĂŒn und Blau, Ă€ltere in Schwarz. Besonders bekannt geworden ist die Tieftrauertracht, die als Teil der Sammlung von Oskar Kling zur lĂ€ndlichen Kleidung wiederholt im Germanischen Nationalmuseum NĂŒrnberg ausgestellt wurde. Sie bestand aus einer weißen Haube, einer weißen Haubenbinde und einem großen Trauertuch. Außerdem wurde ĂŒber Mund und Brust ein diagonal gefaltetes, weißes Trauertuch gelegt. Mitte des 19. Jh. orientierte sich die Bevölkerung zunehmend an der Bautzener Tracht. So wurde die spitzenbesetzte, schwarzsamtene Festtagshaube ĂŒbernommen, die die weiße Frauenhaube ersetzte. Die modernisierte Klittener Tracht unterschied sich von anderen „halbdeutschen“ Trachten dadurch, dass sie bis zu ihrer endgĂŒltigen Aufgabe (nach 1870) zu wichtigen AnlĂ€ssen die Haube bewahrte. 1956 gingen in Kreba noch 37 alte Frauen so gekleidet.

Bautzener MĂ€dchentracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die Verbreitung der Tracht um Bautzen ist nicht mehr exakt lokalisierbar. Ausgegangen wird von etwa 35 Kirchspielen, in denen die Tracht aber schon Anfang des 19. Jh. schrittweise abgelegt wurde. MĂ€dchen trugen oft einen weißen Kattunrock, SeidenschĂŒrze und eine weiße gestickte TĂŒllhaube. Einzelne Trachtenteile unterschieden sich von Ort zu Ort, so z. B. in der Kleidung der Konfirmandinnen. Einheitlich schwarz waren Rock, Spenzer und SchĂŒrze, lokal unterschiedlich der Kopfputz: entweder eine FlĂŒgelhaube oder ein kleines weißes Trauertuch, das bis zu den HĂŒften reichte. Die schwarze Haube mit schwarzer Spitzeneinfassung und das mit Knöpfen versehene Mieder waren Zeichen der verheirateten Frau. MĂ€dchen und Jungen gingen bis zum 4. Lebensjahr in Röckchen. Dann bekamen Jungen Hosen und MĂ€dchen eine vereinfachte, bunte Erwachsenentracht. Die MĂ€nnertracht unterschied sich um 1800 wenig von der deutschen bzw. der böhmischen, mit der sie farbig umnĂ€hte Knopflöcher und die Jacke gemeinsam hatte.

Derzeit tragen in vier Regionen der Lausitz Ă€ltere Frauen noch tĂ€glich die Tracht: um Cottbus, um Hoyerswerda, um Schleife sowie in der katholischen Region. Die Region um Cottbus (→ Cottbuser Kreis) ist heute das grĂ¶ĂŸte sorbische Trachtengebiet und erstreckt sich nördlich bis nach Forst, Guben, Calau und LĂŒbben. Etwa 60 Ortschaften gehören dazu. Die Tracht wird oft als „Spreewaldtracht“ bezeichnet, obgleich der Spreewald nur einen geringen Teil des Gebiets ausmacht. Charakteristisch sind der Bandrock – mit aufgenĂ€htem Besatz aus weißem oder hellfarbigem Seiden- bzw. schwarzem Samtband, breiter weißer Spitze und mit Blumenranken bestickt – und das große Kopftuch. FrĂŒher wurde es aus einem einzigen Tuch gebunden, seit etwa 1925 aus drei Teilen. Es gibt zwei grundlegende Typen: das spitze Kopftuch, das um Cottbus, Groß Lieskow und JĂ€nschwalde getragen wird, und das breite Kopftuch. Mit seiner endgĂŒltigen Ausformung stieg das Kopftuch aus der Arbeitstracht ĂŒber die Kirchgangstrachten in die höchsten Festtrachten auf und verdrĂ€ngte die noch ĂŒblichen MĂŒtzenformen, u. a. den bis dahin fĂŒr die Braut- und Brautjungferntrachten charakteristischen Kopfputz, den hupac. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde die Tracht von fast allen sorbischen MĂ€dchen und Frauen getragen. WĂ€hrend der NS-Zeit erfuhr sie als „deutsche Spreewaldtracht“ zunĂ€chst eine gewisse Förderung und Pflege und wurde gern zu Trachtenfesten gezeigt. Nach 1945 legten Kinder vielfach die Tracht zum Abholen der Ostergeschenke an. Die MĂ€nnerkleidung war bereits seit dem 19. Jh. bĂŒrgerlich, obgleich weiterhin Leinwandhemden mit einfachen Stickereien, Leinwandhosen und -kittel benutzt wurden. Das in der Vorweihnachtszeit die Haushalte besuchende Christkind, ein Bescherbrauch (→ WeihnachtsbrĂ€uche), der bis heute in JĂ€nschwalde gepflegt wird, trĂ€gt eine besondere Form der MĂ€dchenfesttracht. Um 2005 gab es noch etwa 100 Frauen, die tĂ€glich in Tracht gingen.

Tracht um Cottbus; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Zur Schleifer Region zĂ€hlen die sieben Dörfer des Kirchspiels Schleife. Die Ă€rmlichen wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse schlugen sich in der Wahl der Stoffe nieder: Grundmaterialien sind Wolle und Leinen. Über den knielangen Miederrock aus blaugrĂŒn gestreiftem, eng plissiertem Wolltuch wird eine großflĂ€chige BlaudruckschĂŒrze gebunden. Die Haube, am Hinterkopf mit einer Pappscheibe verstĂ€rkt, besteht bei MĂ€dchen aus rot gemustertem und bei Frauen aus blau- oder grĂŒnweißem Stoff. Hier bildete sich eine eigene Kindertracht heraus. MĂ€dchen und Jungen trugen bis zum 4. Lebensjahr ein rot gemustertes, meist kariertes Kleidchen und eine rote Haube. Danach bekamen die Jungen Hemd, Hose, Jacke und die MĂ€dchen einen Miederrock. Ihre Alltagskleidung unterschied sich mit dem Schuleintritt nicht mehr von der der weiblichen Jugend. Von der MĂ€nnertracht erhielten sich bis zum Ersten Weltkrieg ein blauer Kirchgangsmantel sowie schwarze und rotbunte HalstĂŒcher. Neben den ĂŒblichen Trachtenvarianten existiert auch hier die Tracht des Christkinds, zu der bis heute jedes MĂ€dchen bestickte BĂ€nder und Kinnschleifen als Auszier von Ärmeln, Rock und SchĂŒrze beisteuert. VerĂ€nderungen der Tracht um 1880 zeigten sich u. a. im Übergang von der weißen zur schwarzen Trauerfarbe mit Ausnahme von weißen Hauben, die wĂ€hrend der Trauerzeit getragen werden. Neben der traditionellen bildete sich die „halbdeutsche“ Tracht heraus, die durch ihre Vereinfachungen, das Fehlen von Hauben und fast ausschließlich industriell gefertigtes Material komfortabler erschien und von etwa 10 % der TrachtentrĂ€gerinnen ĂŒbernommen wurde. 1955 trugen nahezu alle Frauen ĂŒber 30 in Halbendorf, Trebendorf, Rohne, Mulkwitz und MĂŒhlrose stĂ€ndig Tracht, in Schleife und Groß DĂŒben nur ein Teil. 2002 wurden 75 Personen gezĂ€hlt.

Schleifer Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Zum Hoyerswerdaer Trachtengebiet (→ Hoyerswerdaer Land) gehörten 28 Ortschaften. Die Tracht ist aus Leinen- und Wollstoffen hergestellt, es dominieren klare, krĂ€ftige Farben. Typisch fĂŒr die Sonntags- und Festtracht der MĂ€dchen und jĂŒngeren Frauen sind der orangefarbene Oberrock, die schwarzseidene Haube mit Schleife im Nacken und die gleich geformte weiße TĂŒll- und Weißstickereihaube der MĂ€dchen. Da echter Schmuck fĂŒr die Bewohner der Heidegebiete frĂŒher unerschwinglich war, wurde er durch Glasperlen und Flitter ersetzt. Die Vielfalt dieser Tracht zeigen die lokalen Varianten der Festkleidung. Eine Kindertracht gab es bis zum Zweiten Weltkrieg, die sich in der Form nicht von der Tracht der Erwachsenen unterschied. Bis Anfang der 1930er Jahre kleidete man auch Jungen bis zu vier Jahren in trachtenrockĂ€hnliche Kleidchen. Die MĂ€nnertracht hatte sich im 19. Jh. der deutschen Kleidung angeglichen. Am lĂ€ngsten hat sich der lange blaue Mantel mit rotem Futter und glĂ€nzenden Knöpfen erhalten. Weitere Trachtenelemente wie Hosen, Westen und Jacken aus Leinwand oder die blaue LatzschĂŒrze wurden in der Arbeitskleidung bewahrt. 2002 gingen hier 68 Frauen stĂ€ndig in Tracht.

Die katholische Tracht wird in etwa 70 Orten der Altkreise Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda getragen. Der Wohlstand dieser Region zeigte sich auch in der Verwendung hochwertiger Materialien wie Tuche und Wollstoffe mit PelzverbrĂ€mungen, Seide und Spitze. VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸig strenge Formen wie der bis zu den Knöcheln reichende lange Rock oder dunkle Farben in der Kirchgangstracht werden auf den Einfluss der Religion zurĂŒckgefĂŒhrt. Auffallend ist das breite schwarzseidene, zur Schleife gebundene Kopfband, das ĂŒber den RĂŒcken lang herabhĂ€ngt. In der Brautjungferntracht sind diese KopfbĂ€nder rosa. Rot symbolisiert die Jugend, GrĂŒn ist die Farbe der Braut, Schwarz und Weiß haben zeremonielle Bedeutung und sind gleichzeitig Trauerfarben. Braut und Brautjungfer ziert ein Halsschmuck aus SilbermĂŒnzen, den ein feines Netz aus Glasperlen ĂŒberdeckt. Zur Trauer- und Prozessionskleidung gehört ein weißes, gestĂ€rktes Leinentuch, das den gesamten Oberkörper umhĂŒllt. Seit 1975 wird es immer weniger getragen mit Ausnahme der Crostwitzer Kirchgemeinde, wo es in den letzten Jahren wieder hĂ€ufiger angelegt wird. Es gibt keine besondere Kindertracht, nur eine verkleinerte Form der MĂ€dchentracht. Vor 1900 gingen alle sorbischen SchulmĂ€dchen in Tracht, bis zum Ersten Weltkrieg die MĂ€dchen in den oberen Klassen bzw. nach der Schulentlassung. Die einstige MĂ€nnertracht war um 1880 fast verschwunden. 2005 wurden 191 Frauen gezĂ€hlt, die stĂ€ndig in Tracht gingen; die JĂŒngste war 63.

Hoyerswerdaer Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

In den 1980er Jahren kam es zu einer Art Trachtenrenaissance bei religiösen, familiÀren und kulturellen Feiern. Festtrachten wurden von MÀdchen und Frauen zunehmend in Heimat- oder Trachtenvereinen gepflegt und zu bestimmten AnlÀssen prÀsentiert. Dieser Trend setzte sich nach der politischen Wende von 1989/90 fort.

Katholische Tracht; Fotograf: Lotar Balke, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Die sorbische Tracht erfuhr bereits frĂŒh das Interesse von Gelehrten. Erste Beschreibungen finden sich um 1720 bei Abraham Frencel. Weitere Schilderungen folgen in Jan HĂłrčanskis Studie ĂŒber die Sitten und BrĂ€uche der Sorben (1782), in der Volksliedersammlung von Jan ArnoĆĄt Smoler und Leopold Haupt (1841/43) und schließlich 1884–86 in ArnoĆĄt Mukas „Statistika Serbow“. 1897 erschien das Album „SĂ€chsische Volkstrachten und BauernhĂ€user“ (→ Ausstellung des SĂ€chsischen Handwerks und Kunstgewerbes 1896), fĂŒr das Muka die Trachten einzelner Parochien und Regionen beschrieben hatte, die mit zahlreichen Fotografien dokumentiert wurden. Die regionale Vielfalt der sorbischen Trachten bezeugen auch die Trachtenserien des tschechischen Malers LudvĂ­k Kuba (1922/23). Die bis heute gĂŒltige regionale Zuordnung der Trachten stĂŒtzt sich im Wesentlichen auf dessen Studien (1927, 1931). Eine frĂŒhe Zeichnung existiert von Heinrich Theodor Wehle: „Landschaft mit WassermĂŒhle bei Kreba“ (Ende des 18. Jh.). Nathanael Gottfried Leske nahm in seiner „Reise durch Sachsen“ (1785) Kupferstiche von Johann Salomo Richter auf, die in Tracht gekleidete Sorben zeigen. Weitere Abbildungen sind zu finden in Johann Samuel Graenichers „Costumes in Sachsen“ (um 1805), Albert Kretschmers „Deutsche Volkstrachten“ (1870), „Das große Buch der Volkstrachten“ (1887) und Friedrich Hottenroths „Deutsche Volkstrachten“ (1898–1902). Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. wurde die sorbische Tracht fotografisch dokumentiert, meist in grĂ¶ĂŸeren Reisebeschreibungen einzelner deutscher Regionen oder LĂ€nder. Die systematische Dokumentation und Erforschung aller vorhandenen Varianten erfolgte nach 1945 mit der Institutionalisierung der Volkskunde am Institut fĂŒr sorbische Volksforschung in Bautzen (→ Sorbisches Institut). Bis 1991 erschien die fĂŒnfbĂ€ndige Dokumentation „Sorbische Volkstrachten“ mit zehn Monografien (jeweils ein Buch pro Trachtenregion).

Lit.: Sorbische Volkstrachten = Serbske narodne drasty, Bautzen 1954–1991; L. Balke/A. Lange: Sorbisches Trachtenbuch, Bautzen 1985 (Neuauflage 2002); L. Gerbing: Die ThĂŒringer Trachten in Wort und Bild, Hg. M. Moritz, Köln/Weimar/Wien 1998; A. Lange: Die oderwendische Tracht von Aurith und Ziebingen, Bautzen 1998; B. Miehe: Der Tracht treu geblieben. Studien zum regionalen Kleidungsverhalten in der Lausitz, Bautzen 2003; C. Selheim: Die Entdeckung der Tracht um 1900. Die Sammlung Oskar Kling zur lĂ€ndlichen Kleidung im Germanischen Nationalmuseum, NĂŒrnberg 2005; Trachten als kulturelles PhĂ€nomen der Gegenwart, Hg. I. Keller/L. Scholze-Irrlitz, Bautzen 2009.

Metadaten

Titel
Tracht
Titel
Tracht
Autor:in
Keller, Ines
Autor:in
Keller, Ines
Schlagwörter
Kleidung und Textilien; Frauenkleidung; Feiertag; Fest; Alltagskultur; Trauerkleidung; Hochzeit; Taufe; Trachtenfest; Haube; Leinen; Tuch; TĂŒll; Handarbeiten; Farbensymbolik; Brauch; Brauchtum; MĂ€nnerkleidung
Schlagwörter
Kleidung und Textilien; Frauenkleidung; Feiertag; Fest; Alltagskultur; Trauerkleidung; Hochzeit; Taufe; Trachtenfest; Haube; Leinen; Tuch; TĂŒll; Handarbeiten; Farbensymbolik; Brauch; Brauchtum; MĂ€nnerkleidung
Abstract

Kleidung lĂ€ndlicher und kleinbĂŒrgerlicher Kreise, die zeitlich, regional, konfessionell und bei den Sorben auch ethnisch bestimmt ist. Sie widerspiegelt den sozialen Status und wechselt je nach Anlass.

Abstract

Kleidung lĂ€ndlicher und kleinbĂŒrgerlicher Kreise, die zeitlich, regional, konfessionell und bei den Sorben auch ethnisch bestimmt ist. Sie widerspiegelt den sozialen Status und wechselt je nach Anlass.

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