Sammlungen von Zeugnissen zur Geschichte, Kultur und Kunst. Das sorbische
Museumswesen umfasst neben dem Sorbischen Museum in
Bautzen und dem Wendischen Museum in Cottbus weitere Einrichtungen in
öffentlicher, freier und privater Trägerschaft. Ihr Auftrag ist das Sammeln,
Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln von sorbischen Kulturgütern.
Die Sammeltätigkeit begann Mitte des 19. Jh. und fand ihren ersten Höhepunkt in
der Gründung des Wendischen Museums in Bautzen (1900/04). Es vereinte die Bestände der
Maćica
Serbska mit Exponaten der sorbischen volkskundlichen Präsentation zur
Dresdener
Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes 1896. Dieser
Schau verdankt das Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden sein Entstehen
(1897), das sorbische Volkstrachten übernahm (→ Tracht). Trotz seiner
Sonderstellung als Nationalmuseum der Sorben fügte sich das Wendische Museum in
das Ensemble kulturgeschichtlicher Heimatmuseen ein, die bis Ende des 19. Jh.
fast zwei Drittel der Neugründungen in der sächsischen Museumslandschaft
ausmachten. Angesichts der Veränderungen durch die Industrialisierung dienten sie als Bewahrungsstätten von Zeugnissen
der Volkskultur und der Regionalgeschichte.
Měrćin-Nowak-Njechorński-Haus in Nechern; Fotograf: Rafael Ledschbor
Freilichtmuseum in Lehde (Spreewald); Fotograf: Rafael Ledschbor
Auch deutsche Vereine, private Sammler und Museen widmeten sich sorbischen
Sammlungsobjekten. Die Mitglieder der 1884 in Calau gegründeten Niederlausitzer Gesellschaft für
Anthropologie und Altertumskunde entschlossen sich, in der gesamten Niederlausitz, deren ländliche Bevölkerung
damals noch weithin sorbisch war, volkskundliches Material zu sammeln und
auszustellen. In der Folgezeit entstanden u. a. das Cottbuser Heimatmuseum
(1887), das Lübbenauer
Spreewald-Museum (1899), die
Stadtmuseen in Lübben (1906),
Senftenberg (1907), Spremberg (1911) und Luckau (1912). Sorbische Trachten wurden
Ende des 19. Jh. auch in die Sammlungen des Prager Nationalmuseums (1818), des Germanischen Nationalmuseums
Nürnberg (1852), des Märkischen
Museums Berlin (1874) und des
Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes (1889; heute
Museum Europäischer Kulturen) in Berlin aufgenommen.
In der NS-Zeit folgte dem Verbot sorbischer
Sprache und Kulturarbeit die Zwangsauflösung des Wendischen Museums in Bautzen
1941/42. Erst 1957 konnte es als Museum für sorbische Geschichte und Volkskunde
in Hoyerswerda wiedereröffnet
werden. Gleichzeitig entstand im Haus der Sorben in Bautzen das Museum des
sorbischen Schrifttums (1958–1983). Unter dem Motto „My smy tak bohaći“ (Wir
sind so reich) regte die Domowina
1958 zusammen mit dem Institut für sorbische Volksforschung (→ Sorbisches Institut) eine umfassende
Sammelaktion musealer Objekte an. In einigen vom Braunkohlenbergbau betroffenen Dörfern erfolgte eine ethnografische
Dokumentation.
Neben dem 1971 nach Bautzen verlegten Museum für sorbische Geschichte und Kultur
informierten mehrere Kreismuseen in der Lausitz über die Sorben. Ab den 1970er
Jahren entstanden in Zusammenarbeit von Kommunen und Domowina-Ortsgruppen die
ersten sorbischen Heimatstuben, so in Rohne (1972), Bröthen (1974), Heinersbrück (1979), Drebkau (1982) und Dissen (1983). In einzelnen Schulen gründete man
heimatkundliche Sammlungen und Gedenkzimmer sorbischer Persönlichkeiten, so
bereits 1956 in Panschwitz-Kuckau
die Bart-Ćišinski- Gedenkstätte.
Heimatstube auf dem Nepila-Hof in Rohne; Fotograf: Rafael Ledschbor
Kirchliches Informations- und Begegnungszentrum Horno; Fotograf: Rafael
Ledschbor
Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 war ein Museumsboom zu verzeichnen. Wiederbelebte
Heimatvereine und private Sammler gestalteten unter Mitwirkung der Gemeinden und
bei Nutzung öffentlicher Fördermittel vielfältige Ausstellungen mit meist
ortschronistischem bzw. ländlich-agrarhistorischem Charakter. Sie wurden in
ungenutzten, z. T. denkmalgeschützten Gebäuden untergebracht. So entstanden die
Schulmuseen in Wartha (1998) und in
Tätzschwitz (2001), Museen zu
sorbischen Persönlichkeiten wie die Begegnungsstätte „Zejler- Smoler-Haus“ in
Lohsa (1999) oder das Martin-Nowak-Neumann-Haus in Nechern (1999), dazu Freilichtmuseen wie
der Nepila-Hof in Rohne (1997), der
Zeißig-Hof in Groß Zeißig (2000)
oder der Hans-Schuster-Hof in
Trebendorf (2010),
Gemeindezentren mit Ausstellungen, so das Sorbische Kulturzentrum in Schleife
(1997), das Flachsmuseum „Kolasko“ in Drachhausen (2003/04) oder das Bergbau-Dokumentationszentrum
„Archiv verschwundener Orte“ im Forster Ortsteil Neu-Horno (2006). Neben traditionellen Heimatmuseen wie
Jänschwalde (1994/95) und
Neschwitz (2004) existieren
Spezialsammlungen wie das Ostereiermuseum in Sabrodt (2002). Verknüpfung von Gewerbe und Ausstellung belegen
die Schauwerkstatt für Glas- und Porzellanmalerei Pattoka in der
denkmalgeschützten Schrotholzscheune von Bergen (2000) und das Trachtenhaus Jatzwauk (1926, 1992) in
Hoyerswerda. Touristische Anziehungspunkte bilden das Spreewald-Museum Lübbenau
mit dem Freilandmuseum Lehde (1957),
der Erlichthof Rietschen (1997), die
rekonstruierte Slawenburg Raddusch
(2003) mit ihrer archäologischen Schau und die KRABAT-Mühle in Schwarzkollm (2005/06).
Webauftritt des Sorbischen Museums in Bautzen (2020)
2013 wurde in Dissen eine slawische mittelalterliche Siedlung nachgestaltet. Um eine
angemessene Darstellung sorbischer Thematik bemühen sich die Stadt- und
Regionalmuseen in Bautzen (1868), Kamenz (1931), Spremberg und Hoyerswerda (1932) sowie die
Schatzkammer des Klosters St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau (1999). Fern der
Lausitz befindet sich das Museum sorbischer Auswanderer, das Texas Wendish
Heritage Museum (1980), das in Serbin (Texas, USA) sein Domizil hat (→ Auswanderung).
Die Vielfalt der genannten Museen und musealen Sammlungen, ihre oft nicht
eindeutige Ausrichtung auf die sorbische Thematik lassen eine exakte Einordnung
in die Museumslandschaft kaum zu. Außerdem ist der Museumsbegriff in Deutschland
nicht klar definiert. In der „Sorbischen Kulturroute“ des Sorbischen
Kulturtourismus e. V. werden entsprechende Museen und Heimatstuben Interessenten
ausdrücklich empfohlen. Der Förderung fachgerechter Betätigung dienen der
Arbeitskreis Lausitzer Museen und musealer Einrichtungen, der Arbeitskreis
sorbischer (wendischer) Museen und Heimatstuben in der Niederlausitz und die
zuständige Sektion der Maćica Serbska.
Lit.: B. Nawka: Zum sorbischen Museumswesen und den sorbischen ethnographischen
Beständen der Lausitzer Museen, in: Ethnographica II, Brno 1960; E. Schmidt: Das
sorbische Museumswesen seit der Befreiung vom Faschismus, in: Lětopis C 23
(1980); E. Schmidt: Dorfmuseen und Heimatstuben in der zweisprachigen Lausitz,
in: Lětopis C 24 (1981), 27 (1984); F. Eisel: Schöpfer sächsischer Museen:
Sammler, Stifter, Gründer. Eine Studie zur sächsischen Museumsgeschichte,
Chemnitz 2000.